|
Aktives Ausland:
Schweiz
Schweizer Bauer berichtet am
13. September 2005
«Klar sadistisch
und sexuell motiviert»
Marc Graf ist forensischer
Psychiater, stellvertretender Leiter der forensischen Abteilung der
Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) und berät die Polizei
Basel Landschaft im Fall der Tierquälerei.
Schweizer Bauer: Was bringt einen
Menschen dazu, einem hilflosen Tier solche Schmerzen zuzufügen, es gar zu
Tode zu quälen?
Marc Graf:
Verschiedene Motive. Die Verletzungen im Genitalbereich, das sind ganz klar
sexuelle, sadistische Motive. Diese Personen, es handelt sich ausschliesslich
um Männer, erfahren eine sexuelle Erregung bzw. Befriedigung bei
entsprechenden Quälereien. Nicht nur das Einführen von Gegenständen wie
Messer in den Analbereich, auch das Abschneiden von Euter-Zitzen sind klar
sexuell motivierte Quälereien.
Und die Verletzungen an den
Hinterläufen?
Da gibt es die
Hypothese der Probeverletzungen, oder aber des Versuches, diese Tiere zu
fixieren, zu binden. Ein Pferd oder eine Kuh wird kaum stillhalten, wenn man
sich von hinten nähert und dem Tier Verletzungen im Anal- oder Genitalbereich
zufügen will.
Wieso werden gerade so grosse
Tiere wie die Kuh oder das Pferd als Opfer ausgesucht?
Das Pferd und
auch die Kuh haben immer schon einen Bezug gehabt zu der menschlichen Erotik,
man denke da zum Beispiel an die griechische Mythologie, an die Mischwesen
zwischen Götter und Tieren. Die Stute steht auch seit jeher für Weiblichkeit,
Fruchtbarkeit, der Hengst hingegen für Männlichkeit und Zeugungskraft.
Ausserdem denken wir, dass man bei Pferden und Kühen das Leiden viel besser
sieht …
… und genau das ist für den
Sadisten wichtig.
Ja, genau. Er
muss das Leiden sehen, das ist ja das, was er sucht. Die Augen, die Mimik,
die Gesten dieser Tiere sind dem Menschen viel vertrauter als die von anderen
Tieren.
Und wie beurteilen Sie die Fälle
der abgeschnittenen Schwänze bei Kühen, Katzen und bei dem Lamm?
Bei diesen Taten,
den Katzen und dem Lamm hat er noch den Kopf abgeschnitten, geht es um etwas
anderes. Der Sadist will sein Opfer leiden sehen. Durch das Leiden des Opfers
erlebt der Sadist euphorisiernde Macht. Seine frühere passive, leidende und
duldende Position kehrt er um in Macht. Diese erlebt er beim Quälen des
Tieres. Und als Gipfel der Macht empfindet er letztendlich, Gott zu spielen,
Herr über Leben und Tod zu sein. Sadisten bringen ihr Opfer oft mehrmals in
Todesnähe, bevor sie es wirklich töten. Der Täter möchte das immer wieder
erleben, es ist etwas tolles für ihn, auch etwas schreckliches. Er weiss,
dass er etwas schreckliches tut, und doch ist der Drang nach der sexuellen
Befriedigung stärker. Da er nicht jeden Tag ein Tier umbringen kann, erlebt
er dieselbe oder ähnliche Situationen mit Hilfe dieser «Trophäen» in seiner
Fantasie wieder und wieder.
Geht es dem Täter eher um das
Ausleben des Sadismus als um Sex mit Tieren?
Es muss sich nicht
unbedingt um eine Person handeln, die Sex mit Tieren attraktiv findet, man
hat meines Wissens noch keine Spuren von sexuellem Verkehr gefunden, das wäre
auch schwierig. Wir gehen primär vom Sadismus aus. Sadismus in diesem Ausmass
kann man mit Menschen nicht ausleben, es überschreitet gar die Grenzen
schwerst masochistisch veranlagter Partner. So weicht er eben zum Beispiel
auf Tiere aus. Denn wenn er das am Menschen machen würde, wäre er ja quasi
gezwungen, den Menschen nachher umzubringen, die Spuren zu verwischen um
nicht ermittelt werden zu können.
Es braucht Fachwissen, Mut und
Kraft, ein grosses Tier wie eine Kuh oder ein Pferd auf unbekanntem Terrain
anzugreifen. Der gezielte Umgang mit dem Messer, die anatomischen Kenntnisse,
lässt das auf ein Täterprofil schliessen?
Wir gehen von
zwei Hypothesen aus. Zum einen braucht es in der Tat Fachwissen oder
zumindest einen geschulten Umgang mit den Tieren. Das könnte auf einen Täter
mit entsprechenden Kenntnissen hinweisen. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht
vergessen, dass ein Täter in der Suche nach Erfüllung seiner Sexualität oft
so verzweifelt ist, dass er unglaubliche Ängste zu überwinden vermag und
unglaublichen Einsatz in die Vorbereitungen zu stecken vermag.
Sie schliessen also nicht aus,
dass der Täter in seinem Alltag und Beruf gar nichts mit Tieren oder Anatomie
zu tun hat?
Genau. Sie müssen
sich vorstellen, dass so eine Tat meist das Ergebnis einer langen
Leidensgeschichte ist. Wenn ein normaler Mensch ein Bild von Tierquälerei
sieht, schaut er angewidert weg. Der spätere Täter schaut länger hin, das
Bild erregt ihn, die Spirale fängt sich an zu drehen. Fantasien entstehen, er
konsumiert vielleicht Pornografie mit Tieren und er beginnt sich zu
überlegen, wie er seine Fantasien Wirklichkeit werden lassen kann. Der Täter
tastet sich langsam vor und es ist durchaus denkbar, dass er sich die nötigen
Kenntnisse aneignet, zum Beispiel durch ausprobieren und langsames Steigern
der Quälereien.
Könnten auch mehrere Täter in
Frage kommen?
Davon gehen wir nicht
aus. Die Scham ist doch bei Sex mit Tieren deutlich höher als in der
«normalen» Sado-Maso-Szene. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Leute
finden, untereinander dazu stehen und sich zusammentun, ist sehr gering.
Nicht nur die Scham, auch die Unberechenbarkeit der anderen Beteiligten
schrecken ab.
Wie gross ist die Gefahr ein, dass
der Täter nach den Tieren auch Frauen ins Visier nimmt?
Das kann man
nicht quantifizieren. Man weiss von verschiedenen Tätern, dass sie bei einem gewissen
Grad von Perversion gestoppt haben, quasi ihre Schwelle «bis hierhin und
nicht weiter» streng einhalten. Doch leider wissen wir auch von Tätern, die
Menschen aus sexueller Motivation getötet haben, dass sie auch eine Neigung
zu Tierquälerei gehabt haben oder eine Experimentierphase mit Tieren erlebt
haben. Da gibt es sicher Überschneidungen. Vom gerichtspsychiatrischen Aspekt
besteht klar ein Risiko.
Wie stufen Sie die Gefahr von
Nachahmungstätern ein?
Die ist da. Je
länger man einen Täter nicht erwischt, je mehr er machen kann, desto grösser
ist die Gefahr, dass ihm Personen mit ähnlichen Fantasien folgen, wenn sie
sehen, dass ein anderer sie in die Tat umsetzt.
Pamela Fehrenbach [13.09.05 17:25]
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Schweizer Bauer
Redaktion
Schweizer Bauer
Postfach 8135
Dammweg 3
3001 Bern
Externer Link zum Online-Artikel >>>
UPDATE: Keine Tierquälereien in
Aargau und Zürich. Mehr >>> (Externer
Link: Aargauer Zeitung)
27.09.05
|