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VTL – Buchbesprechung
Gabriele Frey rezensiert „Der verlorene
Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein
Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung“. Ein Buch von Monika
Gerstendörfer. Erschienen im Jahre 2007 bei Jungfermann, Paderborn, ISBN
3-87387-641-8 Ach wie gut, dass niemand weiß, dass
ich Rumpelstilzchen heiß Verbergen, verschleiern,
vortäuschen. Wer Monika Gerstendörfers Buch liest, weiß bald, dass die eigene
Märchenzeit noch längst nicht vorüber ist. Widerstandslos lassen wir uns
durch Wörter in die Irre führen. Und so entgeht uns Rumpelstilzchens
fröhliches Liedlein, während es ums Feuer springt; es wird nicht belauscht
und nicht enträtselt und beherrscht nun unsere Lebenswirklichkeit: Heute back
ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Bitter. Aber Monika Gerstendörfer hört
zu, hört genau zu und nennt beim Namen. Es geht hier um sexualisierte Gewalt,
sagt sie, und entlarvt betrügerische sprachliche Verhüllungen einer
gedankenlosen, verletzenden und gefährlichen Alltagssprache. Wie
opferfeindlich unser unbesonnenes, bloß imitierendes Geplapper wirklich ist,
wird jedoch nur selten bewusst. Begriffe, die keine Empathie mit
den Opfern zulassen, die Vergewaltigte, Gedemütigte und Gequälte auf
kritische Distanz halten oder Begriffe, die das reale Geschehen verharmlosen,
spielen den Tätern in die Hände. Mehr noch: Sie blockieren gesellschaftliche
Veränderungen. Und die Autorin weiß, wovon sie redet. Kinderpornografie? „Was ist das
denn, bitteschön?“ fragt sie provozierend. Den grausamen Gewaltakten, die
hier vor mitleidlosen Augen verübt und erlitten werden, kann dieser Begriff
wohl nicht gerecht werden. Bequem ist er, dieser Begriff, weil er nichts
verrät, weil er uns, die ihn benutzen, den realen Schmerz der Opfer vom
eigenen Leibe hält. ‚Kinderpornografie’, das geht über die bloße Feststellung
einer unangemessenen Sprachführung hinaus, denn „es ist eine Schande und
unerträglich, dass man hier noch von ‚Pornografie’ spricht.“ Ob Kinderschänder, Triebtäter,
häusliche Gewalt oder Sextourismus, Monika Gerstendörfer stellt gängige
Begriffe auf die Probe. Das Ergebnis erschreckt. Selbst ein Begriff wie „Vergewaltigung“,
der zwar richtig ist, „denn er weist auf die Tat hin: Ver-Gewalt-igung“,
bedeutet keine Entwarnung. Im Gegenteil, die Autorin zeigt eindrücklich, wie
und mit welchen Folgen die Tat und das Opfer als „diskussionswürdig“
behandelt werden. Anders, und deshalb
ungewöhnlich, findet man in diesem Buch nicht ausschließlich menschliche
Opfer und Täter. Auf den letzten Seiten kommt das Tier als Opfer
sexualisierter Misshandlungen und seine Misshandler ins Blickfeld. Bewusst
geht die Autorin über das sonst Übliche hinaus; das heißt, über die
stillschweigende Konvention, das Tier bestenfalls als Indikator für
Gewaltdelikte gegenüber Menschen zu sehen. „Zoophilie“ heißt das Unwort, das
man nicht übernehmen sollte. „Das ist eine Selbstbezeichnung von Tätern, von
Zookriminellen“. Dieses Buch ist eine
Herausforderung, die man nur persönlich annehmen kann. Unnachgiebig heftet
sich die Aufmerksamkeit an das Vertraute, das Selbstverständliche, das
Gewohnte: den eigenen Sprachgebrauch. Nicht jeder wird bereit sein,
die Verantwortung für „seine Sprache“ zu übernehmen. Der Verharmlosung
nachzugeben, liegt greifbar nahe. „Es sind doch bloß Wörter, hör doch, nur
Wörter“. Die Sprache als Handlung mit
positiven und negativen Wirkungen zu begreifen und bewusst zu nutzen,
darin liegt für Monika Gerstendörfer eine reale Chance zur Veränderung. Diese
Chance kann jede/r ergreifen, um durch „eine veränderte Sprech- und
Schreibweise seinen/ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt zu leisten.“ Es
ist möglich, das ist die gute Botschaft. Niemand muss die Selbstbezeichnungen
von Tätern übernehmen – das wäre ein erster, wichtiger Schritt, ein Anfang.
„Pädophile“ sind eben nicht lieb, nicht „phil’“, sie sind auch keine
„Pädosexuellen“, denn das, was das Opfer empfindet, hat mit Sexualität nichts
zu tun, rein gar nichts. Was hier stattfindet ist „ein Frontalangriff auf das
Initimste eines Menschen“. Das ist grausam, zerstörerisch, das ist
„kriminell“, nämlich „pädokriminell“. Wie immer der einzelne seine
Chance nutzen wird, dieses Buch hinterlässt Spuren. Die intensive
Durchleuchtung gängiger Begriffe, wie Kinderschänder, befreit diese von der
vertrauten Selbstverständlichkeit und zieht nun Aufmerksamkeit. Das gewohnte
Wissen gerät ins Straucheln: Kinderschänder? „Was ist das denn, bitteschön?
Kinderschänder gibt es nicht!“ 13.11.07 |